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Sie genießen meine ungeteilte Aufmerksamkeit: Leben ohne Smartphone

John Martin: Destruction of Pompeii and Herculaneum

Ich lebe seit mittlerweile vier Monaten ohne Smartphone. Richtig: Ohne Smartphone. Ohne Handy. Oder irgendwas anderes Mobiles, das mich ständig mit der sogenannten Außenwelt verbindet. Bin ich unterwegs, bin ich für niemanden zu erreichen.

Ein Leben ohne Smartphone ist möglich aber sinnlos

Für manche Leute scheint das mittlerweile unvorstellbar. Das gibt mir zu denken.

So wirklich gefährdet, meinem Smartphone und all seinen mannigfaltigen Möglichkeiten zu verfallen, war ich nie und als mein Smartphone dann irgendwann Ende letzten Jahres verreckte, dachte ich mir: Wozu eigentlich ständig so'n sauteures Wunderding der Technik mit sich rumschleppen, alle paar Tage wieder aufladen, nur um ständig erreichbar (= ablenkbar) zu sein und wenn's denn mal drauf ankommt, funktioniert's sowieso wegen irgendwas wieder nicht (und wenn ich mir angucke, wie wenig an echter Kommunikation zwischen den Aufladezyklen stattgefunden hat ...)?

Und außerdem: Kann sich noch irgendwer an diese typische 80er-Jahre-Actionfilm-Szene erinnern, wenn der Held in die Kneipe kommt, einen zerknüllten Zettel mit einer Telefonnummer darauf aus der Tasche frickelt und fragt:

Gibt's hier vielleicht irgendwo ein Telefon?

(Dieser Action-Held könnten jetzt Sie sein.)

Aber keine Angst, falls Sie jetzt denken, ich fange jetzt hier an, Smartphone und Internet und dieses ganze Teufelszeug zu verteufeln (wer weiß, wie lange dieser Zustand noch bei mir anhält: Hätte ich irgendwann wieder Bock drauf, würde ich mir wieder 'n Smartphone zulegen, ganz klar).

Nein, ganz im Gegenteil; lassen Sie mich Ihnen sagen, wie praktisch Smartphones eigentlich sind:

So'n Smartphone ist verdammt praktisch

  • Sie denken, die Welt wird untergehen, weil alle nur noch in ihre Smartphones glotzen? Die Leute glotzen da nicht einfach nur rein, die Leute kommunizieren mit Leuten, an denen ihnen etwas liegt. Es gibt sinnlosere Beschäftigungen, wenn man grad mit der S-Bahn unterwegs ist.
  • Auf Smartphones kann man lesen. Auf dem Klo das aktuelle eBook weiterlesen? Dank eReader, Smartphone und Synchronisierung jederzeit möglich.
  • Auf dem Weg nach Hause mal geschwind die eine oder andere Band "abchecken"? Nach dem Ohrwurm suchen, der einem schon den ganzen Tag durch den Kopf geht? Mit Smartphone und dem entsprechenden Datentarif kein Problem.
  • Von irgendwas mal g'schwind ein Bild schießen (z. B. von irgendwelchen Büchern aus Ihrem Regal für einen Blog-Post)? Kein Problem.
Bücher von Michael Marrak aus meinem Regal
Erstellt auf einem Smartphone, welches nicht mir gehört
  • Ein Autorenfoto erstellen und bearbeiten? Kein Problem.
  • Unterwegs irgendwas nachgucken? Check.
  • Mal kurz Bescheid geben, ob man nach Feierabend noch schnell aus dem Supermarkt mitbringen soll? Check.
  • Kurz mal Twitter checken? Check.
  • Mal geschwind irgendwelche Notizen machen, ohne Block und Stift herumzuschleppen? Check.
  • Blogs lesen? Check.
  • Nachrichten lesen? Check.
  • Mal g'schwind auf dem Weg zur Arbeit ein Video gucken? Check.
  • usw.

All diesen Kram, den Sie unterwegs mit dem Smartphone erledigen können, müssen Sie nicht mehr zu Hause am Rechner erledigen. Sie laufen nicht mehr Gefahr, abends auf YouTube zu versacken, wenn Sie bereits herausgefunden haben, wie diese neue hoffnungsvolle Death Metal-Band heißt, ob das neue Cannibal Corpse-Album was taugt (laut verlässlichen Quellen tut es das) usw. Wenn Sie es richtig anstellen, kann Sie ein Smartphone um einiges produktiver machen durch die ganze Zeit, die Sie damit sparen.

Um es auf eine einfach Formel zu bringen:

Je mehr Sie über Tag am Smartphone unterwegs erledigen, desto weniger müssen Sie abends zu Hause am Rechner erledigen.

Wäre übrigens ein guter Produktiv-Tipp:

Verlagern Sie alle Apps, die Sie nicht brauchen, auf Ihr Smartphone und schmeißen Sie sie von Ihrem Rechner runter und Sie laufen nicht mehr Gefahr, von blinkenden Buttons und Werbeanzeigen abgelenkt zu werden.

War auch der ursprüngliche Grund, warum ich mir ein Smartphone zugelegt habe: Damit ich mit dem Ding mal kurz eMails checken kann, bevor ich das an meinem Rechner erledigen muss, der eigentlich nur zum Schreiben da ist und nur im Text-Modus arbeitet. Deswegen extra X starten, dann Thunderbird, und nebenbei noch mal Firefox, ist auf der langsamen Kiste nicht wirklich angenehm. Ich konnte mein Netbook also rein zum Schreiben nehmen und habe Mails auf dem Smartphone abgerufen.

Auch ganz generell würde ich Smartphones nicht verteufeln, wie es scheinbar grad von irgendwelchen Hardlinern betrieben wird:

Das Internet verdrahtet unsere Gehirne neu!!!

Ich bin ja kein Hirn-Chirurg, aber sich neu zu verdrahten, dürfte die Hauptaufgabe des menschlichen Gehirnes sein: Es werden doch ständig neue Synapsen gebildet, je nachdem, mit was wir unser Gehirn beschäftigen. Und auch dieses Gerede von den immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen: Irgendwie ist doch der gesamte mediale Fortschritt darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeitsspannen zu verkürzen. Wir alle haben immer weniger Zeit, egal ob für die wichtigen oder unwichtigen Dinge: Zwischen den Action-Szenen in Kino-Filmen muss immer weniger Zeit liegen, damit sich die Zuschauer nicht langweilen. Werbung scheint jedes Jahr noch schneller zu flackern und jedes Jahr taucht scheinbar irgendein neues Soziales Netzwerk auf, das es schafft, unsere immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne noch exklusiver an sich zu binden.

Ganz ehrlich: Irgendwann nervt dieses ganze Geflimmer doch einfach nur noch. Die Leute merken doch selber, dass ihnen das immer mehr auf den Geist geht und werden irgendwann schon von selber abschalten.

Ich glaube, ich kann bei dem ganzen ständigen WhatsApp, Twitter, Facebook gar kein Buch mehr lesen

Ich glaube Ihnen, dass Sie das glauben, aber ich kenne auch Leute, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Sobald die dann mal wirklich wieder ein Buch in die Hand genommen haben, waren diese Befürchtungen ausgeräumt.

Aber ich will da auch nichts schönreden: Wenn man sich zum Filmabend trifft und die Leute grabschen ständig nach ihrem Smartphone und glotzen den ganzen Film über da rein (am besten noch wegen dieser ganzen scheiß Casual und Browser Games), da hört's schon irgendwo bei mir auf.

Beobachtung: Die Leute sind nie zu müde für ihr Smartphone

Egal wie müde jemand ist, legt er sich ins Bett und packt sein Smartphone aus, kann er noch stundenlang darauf rumklimpern.

Beobachtung: Irgendwie weiß keiner so recht, was jetzt wirklich Sache ist

Zur allgemeinen Zerstreuung: Die Generation Smartphone ist stabiler als die Apokalyptiker behaupten.

Und was ist jetzt die große neue Entdeckung?

Was ist denn jetzt das Tolle am Ohne-Smartphone-Dasein?

Ganz einfach: Der Fokus.

Wenn ich mich auf etwas konzentriere oder mich mit jemandem unterhalte, genießt diese Person meine völlige ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich kann mich völlig auf eine Sache konzentrieren, ohne Gefahr zu laufen, von irgendwelchem Geblinke und Gepiepe abgelenkt zu werden.

Es macht einen Unterschied, online oder offline zu sein. Bin ich online, bin ich viele. Bin ich offline, bin ich nur ich selbst. Meine Gedanken haben keinen Draht zu irgendeiner Cloud. Meine Gedanken haben nur einen Draht zu mir selbst oder der Person, der ich gegenüberstehe.

Wenn Sie also irgendwelches Zeugs bauen (Software, Bücher, Zupfinstrumente) ist ein lasermäßiger Fokus das Beste, was Ihnen passieren kann. Lernen Sie, sich darin wohlzufühlen.

tl;dr:: Ich fühle mich wohl in meinem Fokus.

P.S.: Und wenn's mal wirklich drauf ankommt?

Sollte ich mal wirklich ein Smartphone brauchen, um jemanden zu erreichen, zitiere ich einfach mal Sergeant Major Basil L. Plumley alias Sam Elliott in Wir waren Helden: Angesprochen darauf, ob er eines der - damals noch - neuen M16-Gewehre haben wollte, lehnte er ab mit den Worten:

Bis ich eins brauche, werden genug davon rumliegen.

Soll heißen: Im Ernstfall frage ich einfach jemanden (die wichtigsten Nummern trage ich immer bei mir). Wir Menschen sind ja hilfsbereit.

Bildnachweis: John Martin (1789–1854): Destruction of Pompeii and Herculaneum (ca. 1821)

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