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Warum Sie als Leser zu ihrem gedruckten Buch das eBook nicht kostenlos dazu bekommen (dürfen)

Jan Brueghel der Ältere & Hendrick van Balen: Der Raub der Proserpina

Hin und wieder taucht die Frage auf, warum man als Käufer eines gedruckten Buches nicht auch das eBook umsonst dazu bekommt: Zuhause schmökert man genüsslich in der Hardcover-Ausgabe herum und unterwegs in der S-Bahn liest man auf seinem eReader oder zwischendurch immer wieder mal schnell auf dem Smartphone.

Hört sich prima an, wäre ein toller Fortschritt und für genau so Sachen wird Technik entwickelt: Um Ihnen das Leben einfacher und angenehmer zu machen.

Wenn da nicht ...

Ja, wenn das nicht in Deutschland (und einigen anderen Ländern) verboten wäre. Denn genau so etwas verbietet die in Deutschland geltende Buchpreisbindung: Die besagt nämlich, dass ein Buch immer und überall genau gleich viel kosten muss.

Was das mit dem gedruckten Buch zu tun hat? Das kostet ja gleich viel, egal ob ich mir das eBook herunterlade oder nicht.

Korrekt. Allerdings wird das eBook, das sie zu ihrem Buch dazuerhalten, in der Regel ebenfalls zu einem bestimmten Preis verkauft und genau dieser Preis würde sich beispielsweise ändern, wenn es Käufer des gedruckten Buches umsonst kriegen würden.

Dann bieten wir das Bundle aus gedrucktem Buch und eBook halt etwas teurer an

Ja, genau: Käufer des Bundles kriegen das eBook halt etwas billiger, das Bundle wird dadurch halt etwas teurer. Sicher wären die Leser bereit, für so was einen kleinen Aufpreis zu ...

Stopp: Das eBook hätte wieder einen anderen Preis: Im Bundle billiger, als wenn man es einzeln kauft. Verstoß gegen die Buchpreisbindung. Oder wer sagt denn, dass das eBook billiger ist? Wer sagt denn, dass der Bundle-Preis sich nicht aus einem billigeren gedruckten und einem billigeren eBook zusammensetzt? Hier hätten wir wahrscheinlich sogar einen doppelten Verstoß gegen die Buchpreisbindung.

Wenn Sie das unfair finden, liefere ich Ihnen gern noch weitere Beispiele, wo die Buchpreisbindung in unerbittlicher und unerwarteter Weise zum Zuge kommt (und das sogar bei mehr oder weniger "kostenlosen" Büchern):

Pay what you want

Sie (als Verlag) erlauben Lesern, für jedes Buch so viel zu zahlen, wie sie möchten. Sie preisen Ihr Buch als "kostenlos" an und geben Lesern die Möglichkeit, einen kleinen Obulus zu entrichten, so fern sie denn möchten. Was können Sie denn dafür, wenn die Leute Ihnen das Geld hinterherwerfen möchten?

Da jeder theoretisch einen anderen Preis für das Buch zahlt (oder zahlen kann), handelt es sich um einen eindeutigen Verstoß gegen die Buchpreisbundung. Siehe auch hier: Verlag wegen kostenlosem eBook abgemahnt.

Selbst wenn Sie das Ganze explizit als "Spende" deklarieren, dürften Sie um einen Verstoß gegen die Buchpreisbindung nicht herumkommen.

Paywall

Okay, wenn alle Leser für ihr kostenloses eBook den gleichen Preis zahlen müssen, richten Sie halt eine Paywall ein (das Buch ist dann zwar eigentlich nicht mehr kostenlos, Sie nennen das Ganze aber einfach "einmalige kostenpflichtige Registrierung, die Ihnen als Kunde den Zugang zu allen bisher erschienenen und noch erscheinenden Werken ermöglicht").

Wo ist also das Problem?

Wenn Sie hinter Ihrer Paywall zehn Bücher anbieten, lädt sich ein Benutzer alle zehn Bücher runter, ein anderer bloß acht, ein anderer nur drei und ein anderer interessiert sich nur für Ihr neuestes Werk. Wird die Registrierungsgebühr als gezahlter Betrag auf die am Ende wirklich heruntergeladenen Bücher aufgeteilt, hat jeder Benutzer einen anderen Betrag pro Buch bezahlt. Verstoß gegen die Buchpreisbindung.

Wie wär's dann mit 'ner CD oder DVD dazu?

Okay, Sie geben das mit dem kostenlosen eBook erst mal auf. Stattdessen packen Sie zu den ersten 1000 Ausgaben Ihres neuen Werkes eine kostenlose CD mit dem Soundtrack bei, den Sie extra für Ihre Leser aufwendig haben produzieren lassen. In den Läden steht Ihr Buch dann einmal mit und einmal ohne CD. Beide zum gleichen Preis. Sie wollen den Lesern, die schnell zuschlagen, nämlich eine Freude machen.

Was es jetzt schon wieder von Seiten der Buchpreisbindung zu meckern gibt?

In Ihrer kostenlosen CD stecken nicht unerhebliche Produktionskosten drin. Der Verkaufspreis, der auf Ihrem Bundle aus Buch und CD draufsteht, teilt sich auf die Produktionskosten für das Buch und die Produktionskosten für die CD auf (Sie als Herausgeber verlangen die Produktionskosten der CD an keiner Stelle, aber dadurch, dass die CD irgendwie produziert werden musste, "muss" Sie aus Prinzip schon Produktionskosten haben). Dadurch ist es gewieften Anwälten möglich, den Preis für das im Bundle enthaltene Buch "herunterzurechnen".

Für den juristischen Fachmann ein klarer Verstoß gegen die Buchpreisbindung.

Zugaben zu Büchern sind nur in sehr, sehr geringem Maße möglich.

Der frühe Vogel fängt den Wurm: Preisnachlass für Abonnenten

Nicht mal so was dürfen Sie: Sie bieten für Ihre ganz treuen Leser ein Abo an (so weit noch alles in Ordnung). Damit sich das Ganze auch lohnt, erhalten Abonnenten Ihre Bücher um ein paar Euro billiger (ab hier nicht mehr in Ordnung).

Verstoß gegen die Buchpreisbindung: Das gleiche Buch ist für Nicht-Abonnenten teurer.

Genau damit ist vor einiger Zeit der Festa-Verlag auf die Schnauze geflogen.

Die Buchpreisbindung umgehen

Falls Sie es wirklich drauf anlegen (auch wenn ich nicht wüsste, warum Sie sich die Mühe machen sollten) und die Buchpreisbindung umgehen wollen, geht der Weg über den Privatdruck: Sie lassen Ihre Bücher drucken und verkaufen sie selber. Und nur selber. Nicht im Laden, nicht im (fremden) Online-Shop, nur Sie selbst. Ihr Buch darf nicht über den offiziellen Buchhandel zu beziehen sein.

Was sich hier fast schon nach kriminellem Milieu anhört, hat eine viel harmlosere Bewandtnis: Stellen Sie sich mal vor, sie lassen aus Ihren letzten Urlaubsbildern ein schönes Hochglanz-Hardcover drucken und Freunde und Verwandte sind derart begeistert, dass sie auch gern eins hätten. Manche möchten sich an den Unkosten beteiligen, der eine mehr, der andere weniger.

Eine Freundin von mir hat mal in einer WG gewohnt. Die WG hatte einen Blog. Und als sich die WG dann aufgelöst hat, hat jeder den Blog zum Abschied als gedrucktes Buch bekommen. Klassisches Beispiel für einen Privatdruck.

Oder Sie haben halt einfach ein Buch geschrieben und möchten das auch anderen Leuten aus Ihrem näheren Umfeld zukommen lassen. Ohne finanzielles Interesse.

Irgendwo ist Buchpreisbindung vielleicht ganz angenehm

Die Idee, dass ein Buch immer und überall gleich viel kostet, finde ich ja irgendwo noch ganz angenehm: Kein Buchhändler kann mich übers Ohr hauen, weil das Buch im letzten Kaff-Bahnhof genau so viel kosten muss wie in der städtischen Groß-Buchhandlung.

Dass das Buch als "besonderes Kulturgut" geschützt werden soll - geschenkt (auch wenn das irgendwie komisch ist, dass ein derartiger Preisschutz ansonsten nirgendwo vorkommt).

Wenn dann aber so Dinger rauskommen, wie, dass man Bücher nicht am technischen Fortschritt teilhaben lassen kann (wie oben in der Einleitung beschrieben) oder ich als Verleger Käufern des gedruckten Buches das eBook nicht kostenlos dazugeben darf, selbst wenn ich es wollte, dann nimmt das Ganze schon irgendwie komische Züge an.

Ach, übrigens: Nur, weil ein Buch überall gleich viel kosten muss, heißt das nicht, dass man überall das Gleiche an einem verkauften Buch verdient. Die verschiedenen Händler (vor allem die Ketten) und Online-Shops verhandeln da hinter den Kulissen immer recht hart, bis die Bücher dann letztendlich im Laden stehen. Und die Großen sichern sich gern immer die größten Kuchenstücke.

Und ich möchte an dieser Stelle mit einem Vorurteil aufräumen: Das meiste Geld verdiene ich als Autor nicht mit dem teuersten Hardcover, am meisten verdiene ich an einem verkauften eBook! Und zwar mehr als das Doppelte, auch wenn das eBook nur ein Viertel bzw. die Hälfte des Buchpreises kostet. Das eBook dann kostenlos dazuzugeben würde auch irgendwie zu einer Entwertung der eBooks führen: Da steckt ja die gleiche Arbeit und Lebenszeit drin. Egal ob ich die Story jetzt als gedrucktes Buch oder virtuell auf dem eReader in Händen halte.

Kauft doch einfach am besten beides: Das Hardcover fürs Regal und das eBook zum Lesen. Dann bleibt das Hardcover geschont und sieht im Regal trotzdem toll aus. :-)

Bildnachweis: Jan Brueghel der Ältere (1568–1625) & Hendrick van Balen (1575–1632): Der Raub der Proserpina

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Kommentare

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Brian Fond am :

*OK, aber was ist, wenn ich das Paket anbiete: EBook + Buch, zum selben Preis (oder geringfügig höher), als nur das Buch. ABER ich nenne das EBook geringfügig anders, kürze meinetwegen ein Wort heraus und tuhe so (juristisch), als wenn es ein ganz anderes Werk wäre (vielleicht nenne ich es offiziell die "gekürzte Fassung")?

Bastian Brinkmann am :

*Deine Frage etwas anders formuliert: Warum nicht zwei verschiedene Auflagen des eBooks erzeugen und die eine Auflage ins Bundle packen und die andere Auflage (z. B. mit umfassenden Anhang) einzeln verkaufen?

Könnte vielleicht funktionieren, wäre mir persönlich aber zu unsicher: Die Frage dürfte sich dann darauf reduzieren, wann eine eigene Auflage sich genug unterscheidet, um als eigene Auflage durchzugehen.

Ein anderer Weg könnte - ich betone: könnte - sein, statt eines eBooks eine kostenlose .PDF-Datei (z. B. per URL im gedruckten Buch) anzubieten: Für verschiedene eBook-Formate wird jeweils eine eigene ISBN verwendet: Die .mobi-Version bei Amazon hat eine andere ISBN als die bei neobooks hochgeladene .epub-Version. Das sind dann quasi zwei eigenständige Bücher. Denkt man den Gedanken weiter, könnte man auf die Frage kommen, ob die .epub dann einen anderen Preis als die .mobi haben dürfte (Hard- und Softcover haben ja auch verschiedene Preise), solange die .epub in allen Shops gleichviel kostet und die .mobi ebenfalls in allen Shops gleichviel kostet. Solange du nicht irgendwo für diese PDF Geld nimmst, dürftest du damit auf der sicheren Seite sein.

Das Problem: Juristen können das wieder ganz anders sehen ...

Was auf jeden Fall gehen müsste: Den Text auf eine Webseite packen, auf der die Leser von ihren verschiedenen Geräten aus dein Buch lesen können. Die URL könntest du wiederum in dein gedrucktes Buch packen. Eine Webseite wird wohl kaum als Buch durchgehen. Willst du deinen Online-Text aber wirklich nur Käufern des gedruckten Buches zugänglich machen, bliebe das Problem der Zugangskontrolle (dieses Problem hättest du auch bei der PDF-Version).

Machst du hier eine Paywall oder ein "pay what you want" (ich würde nicht mal ausschließen, dass ein Patreon-Button darunter fälllt), könntest du wiederum doch in die im Artikel aufgeführte Falle stolpern, sobald dir ein findiger Anwalt nachweist, dass das doch ein Buch ist, was du da anbietest und dass das mal so und mal so viel kostet.

Betrachtet man sich die im Artikel aufgeführten Fälle, sollte man ziemlich schnell merken, dass so was mit dem gesunden Menschenverstand nicht unbedingt was zu tun haben muss.

Geht es dir darum, Käufern deines gedruckten Buches eine elektronische Version deines Buches kostenlos zur Verfügung zu stellen, wären das so die einzigen kreativen Ideen, die mir da spontan einfallen würden (natürlich ohne jeglich juristische Gewähr). Generell würde ich einfach die Finger davon lassen.

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