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Diktiersoftware: Bücher schreiben ist out, Bücher diktieren ist in!

Peter Paul Rubens: Die Jagd auf den Calydonischen Eber

Aus der Welt der Technik: Microsoft starts testing voice dictation in latest Office apps:

Microsoft is testing the ability to use voice to write documents, notes, emails, and presentations with Office Insider testers with Windows PCs.

via: ThePassiveVoice.com

(Witziger Fakt am Rande: Ich habe noch nie in meinem Leben Microsoft Office benutzt, um Fiction zu schreiben.)

Meine Erfahrungen mit Diktiersoftware (Dragon)

Ich besitze Dragon sowohl für MacOS als auch für Windows. Auf meinem eReader finden sich verschiedene Bücher zu dem Thema (unter anderem das teuerste eBook, das ich mir jemals gekauft habe (hoppla: Gibt's anscheinend nur noch als Taschenbuch) - abgesehen von den Perry Rhodan 50er-Bänden). Für den Anfang empfehle ich Monica Leonelles "Dictate your book".

Die beste deutschsprachige Seite zu dem Thema finden Sie hier: Anwenderforum für die Dragon-Spracherkennung.

Im Prinzip bin ich von Diktiersoftware begeistert. Aber:

Ich bin benutze Diktier-Software irgendwie immer noch nicht. Warum ist das so?

Tja, wenn ich das mal selbst wüsste ...

Was mit Diktier-Software möglich ist

Mit einer Diktier-Software können Sie so ungefähr hundert Worte pro Minute schreiben. Das ist so ungefähr das normale Sprech-Tempo:

Für einen deutschen Sprecher ist ein Wert zwischen 90 und 120 Wörter pro Minute im Referenzbereich.

Das kann man als geübter Schreiber auch mit der Tastatur hinbekommen. Wenn Sie das aber über längere Zeit machen (und wenn Sie Bücher schreiben, machen Sie das über längere Zeit), werden Sie so schnell danach nicht wieder was tippen, weil ihre Hände und Gelenke ziemlich im Arsch sein dürften.

Der amerikanische Science-Fiction-Autor David Weber hat mal knapp 39.000 Wörter am Stück geschrieben (= diktiert):

When do you write? How do you write -- are there any tricks you use?

The most I've ever done in a single day was around 39,000 words (after which I went and slept for two days), and I did the entire original Path of the Fury in only nine days.

Das sind ca. 160 Buchseiten. Eine Novelle. An einem Tag.

Wir können also theoretisch davon ausgehen, per Diktiersoftware 6000 Wörter pro Stunde hinzubekommen, ohne uns die Hände, Gelenke und den Rücken zu ruinieren (diktieren können Sie auch im Stehen oder Liegen). Das ist ordentlich. Sehr ordentlich.

Theoretisch ginge das auch mit der Tastatur

Ich habe mal mein eigenes Schreibtempo gebenchmarkt und liege entspannt irgendwo bei 90 und wenn ich mich bemühe 104 Wörtern pro Minute. Das hilft uns bezogen aufs Bücher schreiben aber nicht weiter. Hier zählen nur harte Zahlen, was wir innerhalb von einer Stunde aufs Blatt gekriegt haben. Hocken Sie sich also mal hin, notieren sich die Wortanzahl, arbeiten ganz normal an Ihrem Buch weiter und nach einer Stunde ziehen Sie die alte Wortanzahl von der neuen ab (falls Ihnen eine Stunde zu lang ist, schreiben Sie 'ne Viertelstunde und nehmen die resultierende Anzahl neuer Worte x4).

Voila: Das ist ihre ungefähre Anzahl an Wörtern pro Stunde. Notieren Sie sich dazu noch, ob Sie das Gefühl hatten, schnell oder eher langsam gearbeitet zu haben (das variiert nämlich auch von Session zu Session) und Sie haben einen ungefähren Eindruck.

Wenn ich gut dabei bin, komme ich auf irgendwas bei 1600 Wörtern pro Stunde.

Das ist im Vergleich zu einer möglichen Tippgeschwindigkeit von 104 Wörtern pro Minute eigentlich verdammt wenig: Rechnen wir nach, kommen wir auf eine Schreibgeschwindigkeit von 1600/60 = 26,66666666666667 Wörtern pro Minute.

Bitte was?!

Jepp, so ein Benchmark wie 10fastfingers.com ist im Arbeitsalltag bedeutungslos. Und um dem Ganzen noch eins draufsetzen: 1000 Wörter am Tag sind so die untere Grenze, ab der ich zufrieden bin. In meinen letzten Sessions zu Titaneion 3 bin ich auf nicht mal 1500 Wörter am Tag gekommen. Und ich arbeite i. d. R. mehr als drei Stunden pro Abend an meinem aktuellen Werk.

(Das dürfte beim nächsten Buch aber wieder mehr werden: Man darf nicht vergessen, dass lange Pausen dazwischenlagen und je länger man an einem Buch dran ist, desto höher werden auch die Wortzahlen pro Tag. Völlig normal.)

Warum komme ich also trotz mehrstündigen Schreibens nur auf so wenig Wörter? Keine Ahnung. Interessiert mich aber auch nicht (negative Gedanken dräuen am Firmament). Ich schreibe. Mission accomplished.

Autoren, die diktieren

Ein weiterer Autor, der diktiert, ist Kevin J. Anderson (der Autor der späteren Dune-Bände): Der geht immer wandern, quatscht dabei in sein Diktiergerät und lässt das dann per Transkribier-Service (eine reale Person tippt das Gesprochene ab) abschreiben:

How do you write? Is there a special place you go, or certain music you listen to, to get into a creative mood?

Kevin: I can write anywhere, anytime, using a pen, typewriter, computer, crayon on brown paper, but my favorite method is with a digital voice recorder. I go out hiking for the day—climbing mountains, walking along a rugged coastline, or exploring Death Valley—and dictate my chapters as I go. I see myself as a storyteller, one of those tribal guys who told of adventures around the blazing campfire. I go for long walks, get away from the distractions of people, get inspired by spectacular scenery ... and let my stories pour out.

(Diktiergerät hab ich auch schon hinter mir: Diktieren Sie mal, ohne Ihren Text zu sehen ...)

Eine weitere Autorin, die diktiert, ist die amerikanische Romance-Autorin Karen Ranney:

I especially like to dictate when I’m working out and my dog is on the treadmill beside me. That thirty minutes in the morning and thirty minutes at night is not wasted time. I dictate blog posts or parts of the new book.

via: ThePassiveVoice.com

Ansonsten ist Diktier-Software der einzige Weg für schwer Erkrankte und Bettlägerige, einen Rechner zu benutzen (und somit überhaupt noch an der Welt "draußen" teilzuhaben): Glasknochen, Krebskranke, Muskelschwund, Schlaganfall-Patienten, Personen mit Lähmungen etc.

(Hier benutzt das sogar jemand zum Python-Proggen: Using Python to Code by Voice)

(Der hat sich als Befehle Tierlaute konfiguriert. Sehr witzig.)

Klassische Berufsgruppen, die diktieren, sind Ärzte und Rechtsanwälte. Darum gibt es für diese Leute auch eigenständige Programm-Versionen.

Es spricht also einiges dafür, sich mit Diktier-Software ausgiebiger zu beschäftigen.

Und warum benutzt du die Software dann selber nicht?

Bei mir verhält sich die Software leider völlig anders, als weithin angenommen: Die Windows-Version produziert - auf einem sehr performanten Rechner - zum Großteil Müll. Zum eMail-Schreiben reicht es grad mal eben so. Die Mac-Software dagegen läuft auf meinem veralteten iMac entgegen der weitläufigen Erfahrung anderer Nutzer tadellos. So viel vorweg.

Darüber hinaus bin ich mit einer Diktier-Software einfach nicht schneller als mit einer Tastatur: Das liegt zum einen daran, dass ich in meinen Büchern eine "etwas ungewöhnliche" Sprache verwende: Mit geschwollenen Ausdrücken kommt die Software einfach nicht klar. Außerdem schreibe ich keine normalen Prosa-Absätze, ich schreibe in Blank-Versen. Zeile für Zeile. Das bedeutet: Ich diktiere i. d. R. sehr viel mehr Text, als dann später im eigentlichen Dokument landet. Zum Beispiel (diktiert):

askrinos NEUE ZEILE den herakles betrachtend NEUE ZEILE seht KOMMA NEUE ZEILE wie's hoch dort oben NEUE ZEILE dräut am firmamente PUNKT NEUE ZEILE NEUE ZEILE

wird (per epic-mode) zu

ASKRINOS (den Herakles betrachtend).
Seht,
wie's hoch dort oben
dräut am firmamente.

26 Wörter gesprochen ("wie's" zähle ich an dieser Stelle mal als ein Wort), 12 Wörter geschrieben. Wegfallrate: über 50%. Auf die Art würde ich also bei möglichen 6000 Wörtern pro Stunde nicht mal auf 3000 Wörter kommen. Abgesehen davon, dass wir hier vom Idealfall sprechen, bei dem alles korrekt erkannt wurde.

Die theoretische Zahl von 6000 Wörtern pro Stunde dürfte sich im alltäglichen Einsatz eh drastisch reduzieren: Wenn Sie diktieren, läuft der Workflow so ab: Sie überlegen sich einen Satz, diktieren ihn, überlegen sich den nächsten Satz, diktieren ihn usw. Dass Sie eine Stunde lang durchgehend denken und gleichzeitig mit einhundert Wörtern pro Minute diktieren, wage ich stark zu bezweifeln.

Dazu kommt dann noch, dass ich in erster Linie auf Lubuntu schreibe und auf Linux läuft Dragon nun mal nicht (auch wenn manche Frickler mit Wine so was irgendwann mal hingekriegt haben mögen).

Um trotzdem in mein gewohntes Lubuntu diktieren zu können, habe ich mir mit einer virtuellen Lubuntu-Maschine unter Windows 7 und VirtualBox weitergeholfen: Im Windows lief Dragon und der Eingabefokus lag auf einem Emacs in der virtuellen Lubuntu-Umgebung. Hat recht ganz gut geklappt eigentlich. Abgesehen von irgendwelchen ständigen doppelten Leerzeichen. Man findet sogar noch Spuren der Diktiersoftware im Code des epic-modes:

epic-mode/epic-mode.el (Zeile 52):

(defvar epic-dictation nil)

Der Wechsel vom Tippen zum Diktieren ist nicht ohne: Wenn man mehr als sein halbes Leben vor 'ner Computer-Tastatur verbracht hat, ist die Tastatur irgendwann eine organische Verlängerung der eigenen Gedanken. Irgendwann ist es schlicht ein Reflex, das Gedachte durch die Finger über eine Tastatur auf den Bildschirm zu "denken". Dass der Wechsel von der Tastatur zum Diktieren schwierig ist, streiten auch die oben aufgeführten Autoren nicht ab.

Fazit

Es ist bei mir also (bislang) - trotz mehrerer ernsthafter Versuche - nichts mit dem Diktieren und den 6000 "anstrengungslosen" Wörtern pro Stunde geworden. Dennoch werde ich die Entwicklung weiterhin im Auge behalten. Dass Diktier-Software die Zukunft ist und spätestens in zwei, drei Jahren so weit sein wird, höre ich schon seit mindestens zehn Jahren. Trotzdem finde ich es absolut unglaublich, dass eine Software in der Lage ist, mein Gesprochenes auf den Bildschirm zu bringen. Das möchte ich an dieser Stelle auch gesagt wissen.

Für Interessierte

Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich folgende Links:

Bildnachweis: Peter Paul Rubens (1577–1640): Die Jagd auf den Calydonischen Eber (ca. 1611-1612)

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